Die Stadt nimmt Einem nicht mehr den Atem. Nicht, weil man sich weniger wundern würde, ob der seit Jahren stattfindenen, rasanten Veränderungen, sondern weil man schlichtweg wieder Luft bekommt. Sogar blauen Himmel kann man sehen und die Sonne verschwindet nicht mehr rötlich kränkelnd in allgegenwärtigem grauen Dunst. Dabei hat der Autoverkehr seit 1998 stetig zugenommen und Pulks von Rädern scheinen aus dem Straßenbild verschwunden. Woran liegt es also, dass die Luft besser geworden ist? Wir sind gerade auf dem Schiff nach Japan und können ohne Internetzugang nur spekulieren. Erstmal gibt es kaum noch Rostlauben und motorisierte Zweiräder. Sicherlich dominieren inzwischen Zentralheizungen und haben die tausenden, einzelnen Kohle- und Müllöfen abgelöst. Und da wäre noch das ausgeklügelte, dichte U-Bahnnetz, das stinkende Busse fast vollständig ersetzt hat.
Die Stadt hält einen jedoch in Atem. Bei jedem Besuch finden wir eine andere vor. Schon 2006 präsentierte sich Peking als moderne Weltstadt mit Wolkenkratzer-Skyline, Shopping-Malls, gepflegten Bürgersteigen und Parks. 2010 scheint Peking nun seine amputierten Wurzeln wieder auszustrecken. Auch die religösen. Als wir ein Lamakloster im Norden der Stadt besuchen, staunen wir über die vielen Menschen, die Rächerstäbchen anbrennen, im Gebet versunken stehen oder sich wiederholt, am Boden knieend verneigen. Am Tiananmen, dem Platz des Himmlischen Friedens, laufen Mönche in leuchtenden Kutten, Taxifahrer hängen Amulette auf und neben den Bahngleisen ziehen sich geschmückte Familiengräber statt felsgrauer Erinnerungssteine. Dagegen haben wir keine Mao-Uniformierten mehr erspäht und dem General , Jury-Mitglied in “China sucht den Superstar, schien auch mehr nach Unterhaltung. Da passt ein Verbotsschild ins Muster, dass eher amüsiert als beängstigt. Viel Spaß beim Rätseln, was hier gemeint sein könnte.
Manche der neu sprießenden Wurzeln ziehen ihr Wachstum jedoch aus konsumgeschwängerten Nährlösungen als aus gesundem Boden, der von Mensch, Natur und gelebter Geschichte fruchtbar gemacht wird. Zum Beispiel die zentrale, neu aus dem Boden gestampfte Fußgängerzone mit den immer gleichen, langweiligen Globalmarken. Vor hundert Jahren soll es an dieser Stelle allerdings tatsächlich ein beliebtes Kaufmannsviertel gegeben haben. Auf dem Vorzeigeboulevard bimmelte gar eine Straßenbahn ihren Weg durchs Menschengewühl. Der Wiederaufbau mag eine attraktive Idee sein, ist aber langweilig umgesetzt. Zweistöckige Betonklötzer rechts und links auf 500 Metern, vorn aufgehübscht durch dieses oder jene nostalgische Elementchen, hinten nacktes Grau. Einer der letzten, traditionellen Hutong – quadratische Hinterhöfe, wo man in mehreren Generationen, Nachbar an Nachbar lebte, stritt und liebte – wartet gerade auf den Abriss. Bau auf, bau auf! 1998, damals mit dem Japaner Ryu (Drachen) unterwegs, reihte sich noch Hutong an Hutong. Einen langen Nachmittag sind wir durch die Viertel gezogen, haben Tee getrunken, die Menschen beobachtet oder Kalligraphen bei ihrer Arbeit bewundert.
Man kann sich inzwischen sehr gut in Peking als Ausländer zurecht finden: Ort- und Hinweisschilder, Speisekarten sowie Fahrkartenautomaten sind in Englisch und steht man mit Fragezeichen auf der Stirn, wird man von einem Einheimischen angesprochen. Vorbildlich auch das von den Japanern übernommene Leitsystem für Blinde, das dem Verlauf von Straßen und Bahnsteigen folgt oder die Orientierung in Gebäuden erleichtert. Wie funktioniert das eigentlich in Rostock? Man sorgt sich ansonsten auch um Gesundheit und Sicherheit: Plakate mit Hygienehinweisen, Temperaturmessen im Zirkus, Plakte wie man sich bei Terroranschlägen verhält, in der U-Bahn und den Bahnhöfen wird das Gepäck durchleuchtet, will ein Chinese auf den Platz des Himmlischen Friedens, wird er abgetastet (Ausländern erspart man die Leibesvisite).
Am Abend sehen wir uns die “Fliegenden Akrobraten” an, eine bunte, wortwörtlich atemberaubende Show chinesischer Artisten: kunstvolle Sprünge durch Reifen, zu Pyramiden verknotete Schlangenmenschen und auf Stöcken balanzierte Teller. Einer schafft das Unglaubliche, auf einem Brett stehend, dass auf einer Rolle liegt, die auf einem Brett liegt, das wiederrum auf einer Rolle liegt … Teeschalen, die auf der einen Seite einzeln aufgestellt sind, durch einen Sprung in eine Schale auf seinem Kopf zu befördern. Zwei andere Artisten drehen ein als acht gekoppeltes Röhnrad mit Wucht in der Luft und vollführen ungesichert! allerlei Kunststückchen in 8 Metern Höhe – außen auf dem Rad, versteht sich. Dazu ein märchenhaftes Bühnenbild und ausgefallene Kostüme.
Am Sonntag ging es in der Holzklasse nach Tianjin, der Hafenstadt bei Peking. Es ist wieder genauso laut und dreckig wie 1998, die laue Wärme im Zug kommt vom Kohlehofen. Auch sind die Hochhäuser entlang der Bahnstrecke nach Südosten noch Rohbauten. Halb verfallene Schuppen und Betriebshöfe dominieren die Landschaft. Doch auch hier hat der Wandel begonnen, Tianjin hat er bereits erfasst. In China ist alles in Bewegung und so manche Fragen und Zweifel werden dabei im Strudel hochgerissen. Da passt, dass August sich gerade mit einem Chinesen über das deutsche politische System unterhält. Der Philosophiestudent war von sich aus neugierig, interessiert sich insbesondere für Heidegger. Das rote Buch scheint nicht mehr einziger Quell der Inspiration und man kann zusammenfassen: China erstaunt und bleibt weiter spannend, auch wenn die Chinesen an Bord die ökonomische Situation der großen Mehrheit eher nüchtern sehen. Was sind schon ein paar Millionen Neureiche bei offiziellen 1.3 Milliarden Einwohnern?











